Da gab es in Ayutthaya zwei Familien,
die jeweils eine Faehre besassen.
-Vielleicht haette ich vorweg nehmen muessen, dass Ayutthaya eine Insel ist, obwohl die Stadt nicht am Meer liegt. Ein grosser Fluss umgibt die Stadt zu all ihren vier Seiten, vielleicht sind es auch mehre Fluesse, das aendert aber auch nichts an der Tatsache. Jedenfalls quartierte ich mich unweit des Bahnhofs in ein chinesisches Gasthaus ein, unweit auch zum Ufer des Flusses, allerdings auf der ausserhalb liegenden Seite; so also kam es, dass ich morgens mit der Faehre hinueber in die Stadt fuhr und dann abends mit einer anderen Faehre wieder zurueckfuhr, wenn die Faehre vom Morgen ihren Betrieb bereits eingestellt hatte.
Jeden Morgen brachte mich die eine Faehre zur Anlegestelle auf der gegenueberliegenden Seite, wo ich einen Jungen beobachtete, der in seinem Rollstuhl neben dem kleinen Haeuschen sass, in welchem man seine Ueberfahrt beglich. Schliesslich interessierte es mich doch so sehr, dass ich nachfragte und schliesslich mit der Frau am Kassentisch in ein Gespraech einstieg, was sich sogleich als sehr schwerfaellig herausstellte, da die Frau kaum Englisch sprach.
"Ihr Sohn sei authistisch.", soviel verstand ich. "Was sein groesster Wunsch sei?", wollte ich wissen, doch sie verstand es nicht. Ich lief auf die Strasse und konnte ein Paar Schueler ausfindig machen, mir meine Frage zu uebersetzen. Man sah mich verwundert an. Noch nie haette jemand nach dem Jungen gefragt. "Nichts wuensche er sich.", sagte man mir. Die Familie sei sehr wohlhabend, bescheinigten mir die Schueler und man halte den Jungen hier im Hof, damit ihm nichts passiere; ausserhalb der Einfriedung waere es fuer ihn zu gefaehrlich und auch in die Stadt wolle er nicht gehen. Ich wollte wissen, ob ich ihn in die Stadt fuehren duerfe. Man verneinte und lehnte dankend ab.
Da sass er im Rollstuhl nebem dem Faehrhaeuschen und schaute aufs Wasser hinab, wo sein Grossvater die Faehre stets von einer Seite des Flusses auf die andere dirigierte.
Die Schulkinder uebersetzten meine Fragen ins Thailaendische und ich fragte ihn nun persoenlich, was er sich denn wuensche. "Er wolle gerne mit der Faehre mitfahren und koenne das nicht, weil ihn Niemand zum Steg hinunterbringe." Ich war ergriffen und schockiert zugleich. Am liebsten haette ich ihm sofort diesen Wunsch erfuellt, war es doch der einzige Wunsch des Jungen. "Doch es sei schon zu dunkel und zu gefaehrlich fuer ihn." Die Schulkinder versprachen ihm den Wunsch ein andermal zu erfuellen. Ich verabschiedete mich.
Am Abend fuhr ich mit der anderen Faehre wieder zurueck. Auf der Faehre sprach mich eine Frau an, zuerst verstaendigten wir uns in gebrochenem Englisch, als ich erwaehnte, dass ich aus Deutschland sei, unterhielt sie sich mit mir in einfachem Deutsch. "Mit einem Schweizer sei sie verheiratet gewesen und vor 15 Jahren haette dieser sie verlassen, woraufhin sie mit ihren Kindern nach Thailand zurueckgekehrt sei."
Die Frau sah fertig aus und alle anderen Leute im Boot hatten sich laengst von ihr abgewandt. Ich hoerte ihr weiterhin zu, weil ich spuerte und wusste, dass es ihr Ernst und das Gespraech fuer sie wichtig war. Dein Ohr leih' Jedem. Wen'gen deine Stimme.
Die Frau behielt schwerlich ihre Fassung und verlor sie schliesslich. "Seitdem sie nach Thailand zurueckgekehrt sei, haette ihr noch nicht ein einziges Mal ernsthaft Jemand zugehoert und ihr geglaubt." -Ich glaubte ihr; dass sie die Wahrheit sprach, sagten mir allein schon ihre leeren Augen, die mich noch immer angstvoll und verzweifelt anstarrten.
Sie lud mich zu sich nach Hause ein. Dort erzaehlte sie mir, dass ihre Familie diese Faehre betreibe, mit der ich jeden Abend wieder zurueck ans andere Ufer gelangt war. Die Frau war nicht sehr wohlhabend und bestand dennoch darauf, dass ich bei ihr und ihrer Familie wohne und speise.
Als die Kinder abends im Bett waren, zeigte sie mir schlimme Wunden an ihren Armen und berichtete mir unter Traenen von einem Selbstmordversuch ein Paar Tage zuvor. Ich unterhielt mich lange mit ihr und konnte ihr wieder ein bisschen Lebensmut zusprechen.
Sie war dankbar fuer mein Vertrauen und meine Worte und gab mir am naechsten Tag bei meiner Abreise ihren alten Personalausweis, damit ich sie nicht vergesse. Und in ihrem Blick lag wieder etwas Zuversicht, als sie mich mit einem Laecheln verabschiedete.
- Beide Familien haben ein schweres Kreuz zu tragen und ein klein bisschen dieser Last glaube ich ihne abgenommen zu haben.


Die Kinder begleiteten mich zum Abschied zum oertlichen Bahnhof
Pi Kung (Alte Krabbe) macht fuer mich ein Abschiedsfeuerwerk













































